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Bettina Sahrmann - Gamelan in Köln
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Pädagogische Möglichkeiten der Gamelan-Musik

Das Spiel auf indonesischen Gamelan-Instrumenten als Unterrichtsthema in unseren Schulen - dies scheint auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Idee zu sein. Nach den Erfahrungen vieler Musiklehrer auf der ganzen Welt - meine eigenen, ganz persönlichen Erfahrung bestätigen dies zudem - eignet sich diese Musik jedoch besonders gut für den Unterricht mit Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen.

Ein Gamelan besteht in der Hauptsache aus mehreren Metallophonen, Gongs, Kesselgongspielen und Trommeln. Der volle, weiche Klang der Instrumente, die Vielfalt ihrer unterschiedlichen Klangfarben, der große Tonumfang des ganzen Orchesters, die tiefen Töne der Gongs, die Tonskala des Gamelan - sie entspricht nicht der westlichen Tonleiter -, die besondere, obertonreiche Stimmung und nicht zuletzt die schönen Schnitzarbeiten an den Holzgestellen der Instrumente zeichnen ein Gamelan aus. Gegenüber den in der Tonhöhe standardisierten westlichen Instrumenten hat jeder Gamelan seine eigene individuelle Stimmung. Die Instrumente eines Gamelan können nicht beliebig gegen die eines anderen Gamelan ausgetauscht werden. Die Art und Weise, in der die Instrumente aufeinander abgestimmt werden, entspricht nicht unserem westlichen Ideal einer reinen Stimmung. Im Gegenteil: Die Instrumente werden leicht "gegeneinander" gestimmt. Dadurch entsteht ein an Obertönen reicher Gesamtklang. Unsere westliche reine Stimmung empfinden die Javaner als nicht lebendig.

Gamelan-Instrumente sind Schlaginstrumente. Sie erklingen zu lassen, erfordert weder Vorübung noch musikalische Kenntnisse. Die Instrumente haben für Kinder einen hohen Aufforderungscharakter. Durch eine differenzierte Handhabung der Schlagwerkzeuge können nach und nach unterschiedliche Klänge hervorgebracht werden. Schritt für Schritt lässt sich so die Tonerzeugung verfeinern.

Damit die langklingenden Töne nicht miteinander verschwimmen, wird eine spezielle Technik des Abdämpfens benutzt. Hierbei wird der auf einem saron (Metallophon) mit einem Holzhammer angeschlagene Ton mit der freien Hand gedämpft, kurze Zeit nachdem ein neuer Ton angespielt wird. Das erfordert eine gute Koordination von linker und rechter Hand, die geübt werden muss. Doch nach einer Stunde sind auch Kinder ohne musikalische Vorbildung schon in der Lage, mit einem sehr einfachen Stück das ganze Orchester ertönen zu lassen.

Neben der gesamten Körperhaltung schult das Spiel der Gamelan-Instrumente auch die Grob- und Feinmotorik, denn das Anschlagen der Instrumente erfordert nicht nur eine gewisse Körperkraft, sondern auch die richtige Dosierung dieser Kraft. Den großen Gong mit einem schweren Hammer so anzuschlagen, dass ein Wohlklang entsteht, ist nur in einer gut abgestimmten Bewegung der Hand und des Armes bei richtiger Haltung und in der richtigen Spannung des ganzen Körpers möglich.

Übrigens werden alle Gamelan-Instrumente am Boden sitzend gespielt. Das ist sicher ein guter Ausgleich für Kinder, die während der meisten Zeit in der Schule auf Stühlen sitzen.

Gamelan ist Ensemblemusik. Stücke werden im gemeinsamen Spiel erarbeitet. Dazu gehört ein kooperatives Lernverhalten. Die Partie jedes einzelnen Instrumentes ist zwar in den einfachen Kompositionen, die zunächst gespielt werden nicht schwierig, jedoch erfordert das richtige Zusammenspiel die volle Aufmerksamkeit sowohl für das eigene, als auch für das Spiel der anderen, denn die Stimmen der Instrumente sind ineinander verzahnt. Lernen vollzieht sich also im Hören auf den Zusammenhang, und zwar im genauen Hinhören.

Genaues Hinhören ist u.a. auch deshalb wichtig, weil der Verlauf eines Musikstückes in der Komposition nicht völlig festgelegt ist. Er wird von einem Dirigenten nicht über optische Signale, sondern über akustische Signale, die ein bestimmtes Instrument setzt, gesteuert. Auf diese akustischen Zeichen müssen alle Spieler hören und reagieren.

Ein wesentliches Merkmal der Gamelan-Musik ist die Wiederholung. In einfachen Stücken werden kurze Melodien, die Schüler über das Hören lernen, viele Male wiederholt, bevor sie dynamisch, im Tempo oder in der Struktur verändert werden. Üben durch Wiederholung ist eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, um in der Konzentration auf das Tun zur Ruhe zu kommen. Ich beobachte oft, wie die Schüler nach einiger Zeit ganz in ihrem Spiel "aufgehen".

Ein besonderer Reiz liegt in der komplexen rhythmischen Struktur der Gamelan-Musik. Bei tiefergehender Beschäftigung mit ihr stellt sie immer höhere Anforderungen an die Musizierenden. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene  sind von ihrem Rhythmus fasziniert. Es ist zu vermuten, dass das Üben rhythmischer Muster das innere und äußere Gleichgewicht positiv beeinflusst.

Neben dem Lernen traditioneller Stücke ist die freie Improvisation Teil des Unterrichtes. Sie bildet einen wichtigen Ausgleich zur konzentrierten Arbeit an der traditionellen Musik. Das freie Spiel, das unbeschwert den eigenen Gedanken und Gefühlen folgen kann, entspannt und bietet zugleich die Möglichkeit, zu regenerieren.

Eine andere Absicht verfolgt dagegen das Improvisieren nach bestimmten, vorgegebenen bzw. gemeinsam erarbeiteten Regeln. Dabei können sogar kleine Kompositionen entstehen. Die Schüler gewinnen ganz nebenbei klarere Vorstellungen von Form, Aufbau und Struktur ihrer Musik. Im weiteren lernen sie, diese Vorstellungen ins Spiel umzusetzen. So begegnen sie auf spielerische Weise formal-theoretischen musikalischen Begriffen und erfahren deren Bedeutung im eigenen Tun.

Im übrigen eignet sich das freie Spiel auch als Einstieg, um das Kennenlernen der Instrumente bei der ersten Begegnung zu erleichtern. Die Gamelan-Tonskala slendro, eine pentatonische Leiter mit annähernd gleichen Tonabständen, lässt keine unangenehmen Reibungen beim Zusammenklang der Töne entstehen. Das Improvisieren wird dadurch entscheidend erleichtert.

Gamelan ist traditionell die Begleitmusik zu Schattentheater und Tanz. Sie hat eine starke imaginative Kraft. Jedes Instrument hat seinen eigenen, spezifischen Klangcharakter, der bildhafte Vorstellungen weckt. Die Musikstücke drücken differenziert unterschiedliche Gefühle und Gemütszustände aus. Gamelan-Musik fließt leicht mit Text und Bild zusammen.

Nach meinen Erfahrungen aus Schulprojekten gilt dies nicht nur für die Texte, die der Musik in Indonesien zugeordnet werden, sondern auch für Geschichten, Gedichte und Theaterstücke, die Schüler im Rahmen solcher Projekte selbst schrieben. In gleicher Weise lassen sich neben dem Schattenspiel andere bildnerische, von den Schülern gestaltete Mittel mit der Musik kombinieren. Damit ist Gamelan generell ein ideales Medium für fächerübergreifende Projekte.

Bettina Sahrmann, Mai 2003

Alle Kurse finden im Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln) statt. Anmeldung und Informationen bei Bettina Sahrmann, Tel.: 02 21 - 3 36 94 55